Natur betreten verboten!

Bild: analogicus-Pixabay.com

Nutzungskonflikte im Erholungsraum

Im Laufe der Covid-Ausgangsbeschränkungen eskalierten vielerorts soziale Nutzungskonflikte in naturnahen Erholungsräumen. Auch nach Covid-19 wird ein verändertes Freizeitverhalten aufgrund der Klimakrise („Renaissance der Naherholung“) erwartet. Die Gemeindeentwicklung stellt ihren Jahresschwerpunkt 2021 deshalb unter das Motto „Alles verboten – Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum“.

Die Situation ist bekannt: Immer mehr Menschen leben in beengten Wohnungen, in Städten und verbringen ihre Arbeitszeit sitzend am Bildschirm. Für sie stellt Erholung in der Natur einen wünschenswerten Ausgleich dar. Die Bewegungsfreude der Salzburgerinnen und Salzburger ist eine wesentliche Ursache ihrer überdurchschnittlichen Gesundheit. Dabei wird Natur vielfältig genutzt.

Nutzungsinteressen kollidieren
Nutzungsintensität und Nutzungskonflikte haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Freizeitgesellschaft, ein boomender (E-)Bike-Markt, überfüllte Ausflugsziele, Overtourism nicht nur an den wenigen Seezugängen, abgesperrte bzw. verlegte unattraktive Wanderwege, vermehrte Ausweisung von Wild-, Wasser-, Natur-Schutzgebieten, zugeparkte Straßen, Höfe und Wiesen, Kuhattacken auf Almen, freilaufende Hunde, gehetzte Wildtiere, …: Die Natur wird als „Sportgerät“ genutzt, ökonomisch in Wert gesetzt oder geschützt.
Unsere Freizeit- und Erlebnisgesellschaft verursacht ein Drittel des motorisierten Individualverkehrs. Die weitverbreitete Konsumhaltung „Ich-Alles-Jederzeit-Überall“ mit dem Anspruch risikominimierter Abenteuer und größtmöglicher individueller Freiheit kollidiert im Naherholungsraum oft mit anderen Nutzungsinteressen wie traditionellen wirtschaftlichen Nutzungen durch Land-, Forst-, Jagdwirtschaft und privaten Besitzansprüchen.

Auf unschöne Weise entladen sich diese unterschiedlichen Interessen in zwischenmenschlichen Konflikten mit nachhaltigen Folgen für zukünftige Lösungen. Durch Kränkungen und zunehmende Dauer der Konfrontationen minimiert sich die Bereitschaft der Betroffenen, Konflikte konstruktiv zu lösen. Die Konfrontationen zwischen Freizeitnutzern und Grundstückseigentümern sind nur Symptom und unangenehme Begleiterscheinung eines Phänomens, das einer politischen Lösung auf lokaler bzw. regionaler Ebene bedarf. Neben gegenseitigem Verständnis, Besucherlenkung, Zubringer-Infrastruktur, Kanalisation auf lokaler Ebene bedarf es auch übergeordneter (gesetzlicher) politischer Regelungen.

Aktivitäten der Gemeindeentwicklung
Im Rahmen von „Alles verboten – Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum“ werden deshalb 2021 mehrere Aktivitäten gesetzt.

  • Diskussionsveranstaltungen mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Interessensgruppen im Frühjahr. Diese sollen die verschiedenen Standpunkte darstellen sowie Verständnis und Bewusstsein schaffen. Mögliche Konfliktlinien, aber auch Lösungsansätze sollen aufgezeigt werden. Wünschenswert wäre in Folge die Implementierung eines Programms wie BERGWELT TIROL – MITEINANDER ERLEBEN.
  • Lokale Diskussionsveranstaltungen: Alle Konflikte finden ihren Niederschlag auf Ortsebene, wo letztlich das Aushandeln verschiedener Maßnahmen stattfinden muss. Daher begleiten wir Gemeinden mit einer Konfliktmoderation bei einer Abendveranstaltung vor Ort. Die Diskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der Interessensgruppen soll öffentlich sein. Den Einstieg improvisiert der Amateurtheaterverband in Form eines Mitspieltheaters.
  • Gemeinden, die sich auf den Prozess der gemeinsamen Konfliktregelung einlassen, unterstützen wir mit zwei Mediationssitzungen.

Soziale Gemeindeentwicklung
Die Gemeindeentwicklung im Salzburger Bildungswerk fördert und begleitet Maßnahmen, die das Vertrauen und den Zusammenhalt zwischen Bürgerinnen und Bürgern in Gemeinden stärken. Begegnungsorte und Begegnungsmöglichkeiten, die das „Miteinander“ und die zwischenmenschliche Solidarität fördern, sollen die Lebensqualität vor Ort erhalten oder verbessern.
„Alles verboten – Nutzungskonflikte im ländlichen Raum“ stand bereits 2009 im Mittelpunkt von Aktivitäten der Gemeindeentwicklung. Diese Thematik hat – wie die Realität zeigt – auch 12 Jahre später nichts an Brisanz verloren.

Kontakt
Alexander Glas MSc
Tel: 0662-872691-13
E-Mail: alexander.glas@sbw.salzburg.at