Natur betreten verboten?!

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Nutzungskonflikte im Naturraum

Die Nutzungsintensität von naturnahen Erholungsräumen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Gemeindeentwicklung hat dazu unter dem Motto „Natur betreten verboten?!“ eine Veranstaltungsreihe durchgeführt. Wir ziehen Zwischen-Bilanz.

Die Situation ist bekannt: Immer mehr Menschen leben in beengten Wohnungen, in Städten und verbringen ihre Arbeitszeit am Bildschirm. Erholung in der Natur bekommt für viele (nicht nur) deshalb einen besonderen Stellenwert und stellt einen wichtigen Ausgleich dar. Und so ist es kaum verwunderlich, dass in den letzten Jahren – verstärkt durch die Covid-19-Pandemie – die Nutzungsintensität von naturnahen Erholungsräumen stark zugenommen hat.

Die Freizeitgesellschaft, ein boomender (E-)Bike-Markt, überfüllte Ausflugsziele, Overtourism nicht nur an den wenigen Seezugängen, abgesperrte Wanderwege, vermehrte Ausweisung von Wild-, Wasser-, Natur-Schutzgebieten, zugeparkte Straßen und Wiesen, Kuhattacken auf Almen, frei laufende Hunde, gehetzte Wildtiere, …: Die Natur wird als „Sportgerät“ genutzt und ökonomisch in Wert gesetzt. Unsere Freizeit- und Erlebnisgesellschaft verursacht ein Drittel des motorisierten Individualverkehrs.
Die Konsumhaltung „Ich-Alles-Jederzeit-Überall“ mit dem Anspruch risikominimierter Abenteuer und größtmöglicher individueller Freiheit kollidiert im Naherholungsraum oft mit anderen Nutzungsinteressen wie traditionellen wirtschaftlichen Nutzungen durch Land-, Forst-, Jagdwirtschaft und privaten Besitzansprüchen. Diese unterschiedlichen Interessen entladen sich mitunter auf unschöne Weise in zwischenmenschlichen Konflikten mit nachhaltigen Folgen für zukünftige Lösungen.

Unterschiedliche Aspekte im Fokus
Für die Gemeindeentwicklung im Salzburger Bildungswerk war dies in den vergangenen Wochen Anlass genug, mit unterschiedlichen Angeboten die verschiedenen Facetten und Fragestellungen der Problematik zu thematisieren. Im Rahmen von vier Online-Impulsgesprächen wurde der Fokus auf Besucherlenkung, Nutzungsrechte, Naturschutz und Kinder gelegt. Die Alm stand daraufhin beim Gespräch auf der Kögerlalm, der Tourismus beim Diskutieren im Zelt in Dienten im Mittelpunkt. Und abschließend wurde das Thema Naherholung bei einer Diskussionsveranstaltung im Schloss Goldegg in den Fokus gerückt.

Impulse zum Nach-Denken
Eines ist klar: Die eine „einfache“, für alle und überall passende Lösung gibt es (auch) bei diesem Thema nicht. Immer wieder wurde in den Gesprächen an gegenseitigen Respekt und Verständnis appelliert sowie Geduld eingemahnt. Doch wie sich im Laufe der Gespräche zeigte, gibt es auch sehr konkrete Maßnahmen, um ein gemeinsames Miteinander zu finden. Wir haben die Tipps und Erfahrungen der Gesprächsteilnehmenden zusammengefasst.

Bildung und Kommunikation: Die wenigsten Menschen machen gerne was falsch, und Menschen mit wirklich bösem Willen findet man selten (frei nach Platon). Viele Menschen wissen allerdings zunehmend weniger über Pflanzen, Tiere, Landwirtschaft, Rechte und Pflichten Bescheid. Menschen haben Gewohnheiten, vergleichen oft mit „früher“ und verstehen nicht, weshalb sie sich nun anders verhalten sollen.
Es geht bei den Nutzungskonflikten nicht um „gut oder böse“. Alle in unserer Gesellschaft haben mehr Freizeit und nutzen die Natur, auch Jäger, Almbesitzer, Landwirte. Nicht nur Grundeigentümer machen ihre Besitzansprüche geltend, alle haben gestiegene Ansprüche. Daher sind Aufklärung, Bewusstseinsbildung und Wissensvermittlung eine permanente Aufgabe. Fakten schaffen Wissen, aber noch kein gegenseitiges Verständnis. Voraussetzung dafür sind Begegnungsmöglichkeiten und die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen. Daher bietet die Gemeindeentwicklung im Rahmen dieses Schwerpunktes den Gemeinden lokale Moderation und Mediation an.

Fakten kennen, statt Mythen glauben: Nicht selten sind einzelne emotionale Erlebnisse urteilsbildend (Bauer schlägt Mountainbiker, „Kulikitaka-Challenge“ auf TikTok, bei der Kühe erschreckt werden, Jäger schießt auf Hund). Für effektive Maßnahmen oder Besucherlenkung sind Aufreger und mediale Dauerbrenner jedoch nicht geeignet. Genaue Statistiken, das Analysieren und Messen der Besucherströme sind ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Regeln, lenken und genau hinhören: Die Lenkung muss der „logische Weg“ sein. Beliebte Routen werden so oder so begangen und befahren. Unattraktive Umwege, viel Asphalt und Strecken im Siedlungsraum werden nicht angenommen. Entscheidend für das Gelingen der Besucherlenkung sind die Einbindung der Nutzergruppen und das Kommunizieren auf Augenhöhe.

Angebote statt Verbote: Sanfte Lenkung soll durch bedarfsgerechte zielgerichtete Angebote, nicht durch Verbote erfolgen. Infotafeln und Verbotsschilder werden idealerweise auf ein Minimum reduziert. Die Leute wollen bzw. sollen das Gefühl haben, sich frei für eine Route entscheiden zu können. Der Großteil wird die sanfte Lenkung akzeptieren, eine kleine destruktive Minderheit wird durch nichts beeinflusst werden können.

Zielgerichtete Kommunikation: Die Communities „treffen“ sich in den Sozialen Medien. Hier ist wichtig, die Influencer zu erreichen. Beim Tourengehen reicht sogar der Erste, der die erste Spur zieht. Alle anderen laufen ohnedies hinten nach.

Die Rolle der Gruppe: Erwünschtes Verhalten kann am effektivsten in der jeweiligen Community bzw. Gruppe vermittelt und kontrolliert werden. Hier ist auch Zivilcourage gefragt und in den viel gescholtenen Sozialen Medien auch regelmäßig zu finden. Schitourengeher, Mountainbiker, Bergsteiger führen in den Foren teils intensive Diskussionen über Fehl- oder richtiges Verhalten und ermahnen Ausreißer. Hier passiert viel Bildungsarbeit und Aufklärung unter Gleichgesinnten.

Overpromising and Under-Delivering: Die Werbung verspricht oft mehr, als vorhanden ist. Bilder von unregulierter Freiheit in der Natur erwecken unerfüllbare Wünsche und sind Anlass für Kritik.

Soziale Verantwortung: Naturnutzerinnen und -nutzer haben Rechte und auch Pflichten gegenüber Natur und Eigentum. Aber auch Besitzende haben Pflichten gegenüber der Gesellschaft. In der sozialen Marktwirtschaft wird das Eigentum per Gesetz gewährleistet und grundsätzlich geschützt. Man sollte sich als Eigentümer aber immer wieder bewusstmachen, dass auch Eigentum verpflichtet und die Natur dem Wohl der Allgemeinheit dienen darf.

Politischer Rahmen: Grundeigentümer fühlen sich alleine gelassen, doch immerhin wähnen sie die gesetzlichen Grundlagen auf ihrer Seite. Nutzer warten seit Jahren vergeblich auf angemessene Erholungsmöglichkeiten im Wohnumfeld. Sie verweisen auf die „normative Kraft des Faktischen“: Wenn sich die Regelungen nicht formal ändern, werden sie geändert, indem sie zunehmend ignoriert werden und das Verhalten der Mehrheit eine neue Normalität schafft.

Damit wir im Land Salzburg bei der Konfliktlösung in nicht kommerziellen naturnahen Erholungsräumen zukünftig mehr Möglichkeiten haben, als an Vernunft und gegenseitige Wertschätzung zu appellieren, wurde in den Gesprächen einhellig gefordert, dass sich die Politik des Themas annehmen müsse. Mehrmals wurde beispielhaft das Programm „Bergwelt Tirol – Miteinander erleben“ erwähnt, das, mit ausreichend Personal und Kapital ausgestattet, jahrelange Erfolge im Interessensausgleich vorweisen kann.

Kontakt:
Alexander Glas
Tel: 0662-872691-13
E-Mail: alexander.glas@sbw.salzburg.at