Digitalisierung als Allheilmittel für den ländlichen Raum?

Digitalisierung WebshopFoto: Fraunhofer-Gesellschaft

Aktivitäten im „Digitalen Dorf“ Steinwald-Allianz

Was sind die Potenziale und Herausforderungen der Digitalisierung? Wir werfen einen interessierten Blick nach Bayern ins Digitale Dorf Steinwald-Allianz, ein Zweckverband von 16 Gemeinden im bayerischen Landkreis Tirschenreuth.

VON BETTINA WILLIGER & ANNEMARIE WOJTECH

Österreich besteht zu einem großen Teil aus „ländlichem Raum“, etwa 45 % der Bevölkerung leben in den als „ländlich“ bezeichneten Regionen. Viele ländliche Räume stehen aktuell jedoch vor einer Reihe von Herausforderungen: Sinkende Einwohnerzahlen, ein steigendes Durchschnittsalter der Bevölkerung und der Fachkräftemangel beeinträchtigen häufig die wirtschaftliche Situation und die kommunale Daseinsvorsorge. Dies macht ein Leben auf dem Land zunehmend unattraktiver. Eine Möglichkeit, um Versorgungsangebote und neuartige Services wieder näher an den ländlichen Raum zu bringen und ihn damit als Wohn- und Arbeitsort attraktiver zu machen, ist die Digitalisierung. Die Grundvoraussetzungen für die Digitalisierung des ländlichen Raums werden aktuell geschaffen: 2017 waren bereits 89 % der österreichischen Haushalte mit einem Internetzugang ausgestattet, im Zuge der Breitbandinitiative „Breitband Austria 2020“ wird die Breitbandverfügbarkeit weiter ausgebaut und optimiert – auch auf dem Land.

Die Digitalisierung bietet die Möglichkeit, sowohl die wirtschaftliche Situation ländlicher Räume zu verbessern als auch Angebote der Daseinsvorsorge digital zu erbringen oder qualitativ zu verbessern. Gleichzeitig geht die Digitalisierung jedoch auch mit einer Reihe von wirtschaftlichen, sozialen und organisatorischen Herausforderungen einher.

Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und der Daseinsvorsorge
Mit der Digitalisierung ist eine Flexibilisierung von Produkt- und Dienstleistungsangeboten, aber auch von Tätigkeiten verbunden. So kann eCommerce die Versorgungslage ländlicher Regionen über ein breiteres Sortimentsangebot verbessern und zudem die Reichweite von Anbietern aus dem ländlichen Raum steigern, da Produkte und Dienstleistungen ortsunabhängig erworben werden können.
Telearbeit wiederum ermöglicht es Erwerbstätigen, räumlich unabhängig und damit auch von zuhause aus zu arbeiten. Mit der Flexibilisierung von Tätigkeiten, Produkt- und Dienstleistungsangeboten steigt auch die Standortunabhängigkeit von Unternehmen. Die geringeren Boden- und Mietpreise bei gleichzeitiger Breitbandverfügbarkeit machen den ländlichen Raum damit attraktiver für die Ansiedelung neuer Unternehmen. Nicht zuletzt kann die Digitalisierung dazu beitragen, regionale Unternehmen untereinander zu vernetzen und verstärkt regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen.
Die Daseinsvorsorge in den Bereichen Nahversorgung, Medizin, Pflege, Bildung und Mobilität ist zentral für die Lebensqualität und die Attraktivität von Wohnraum, ist jedoch häufig durch die oben genannten Herausforderungen des ländlichen Raums beeinträchtigt. Die Digitalisierung bietet die Möglichkeit, Angebote der Daseinsvorsorge, die nicht mehr länger in der Region vorgehalten werden können, digital zu erbringen (z.B. über telemedizinische Lösungen). Zudem kann die Digitalisierung dazu genutzt werden kann, bestehende Angebote der Daseinsvorsorge qualitativ zu verbessern oder zu ergänzen (z.B. durch vernetzte Mobilitätsangebote).

„Mobiler Dorfladen“ des Digitalen Dorfes Steinwald-Allianz
Für die Versorgung mit Nahrungsmitteln müssen Bürgerinnen und Bürger im ländlichen Raum zunehmend weite Strecken zum nächsten Supermarkt zurücklegen. Kleine Läden im Ortszentrum schließen, die großen Supermärkte siedeln sich hingegen nur in einwohnerreichen Orten bzw. an den Ortsrändern an. Dies erhöht nicht nur die Wegstrecken im ländlichen Raum, sondern stellt für die nicht mobile Bevölkerung eine große Herausforderung dar. Gleichzeitig erschwert es die Absatzbedingungen der dezentral verteilten regionalen Erzeuger im ländlichen Raum. Im Rahmen des Projekts „Digitales Dorf“ haben die Fraunhofer-Gesellschaft und die Steinwald-Allianz, ein Zweckverband aus 16 Gemeinden im Landkreis Tirschenreuth in Bayern, einen „Mobilen Dorfladen“ ins Leben gerufen, welcher die Nahversorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs aufrechterhalten soll. Dreh- und Angelpunkt ist eine digitale Plattform, die Kunden, Betreiber und Erzeuger regionaler Waren miteinander vernetzt: Über einen Online-Marktplatz können die Kunden ihren Einkauf zusammenstellen und bezahlen. Der „Mobile Dorfladen“ liefert die Waren dann an sechs Tagen die Woche im Rahmen von drei unterschiedlichen Touren in die knapp 30 unterversorgten Ortsteile der Steinwald-Allianz aus. Der „Mobile Dorfladen“ bietet dabei vorrangig regionale Waren an, nur Produkte, die nicht aus der Region bezogen werden können, werden über einen Großhändler beschafft. Der „Mobile Dorfladen“ verfolgt damit zwei Ziele: zum einen werden regionale Wertschöpfungsketten gestärkt, da vorrangig Produkte regionaler Erzeuger angeboten werden. Zum anderen wird die Nahversorgung als zentrale Komponente der Daseinsvorsorge für etwa 4.200 Bürger in abgelegenen Ortsteilen der Steinwald-Allianz sichergestellt und qualitativ verbessert.

Wirtschaftliche, soziale und organisatorische Herausforderungen
Das Angebot digitaler Lösungen wird erst wirtschaftlich, wenn diese eine große Zielgruppe erreichen. Um den vergleichsweise kleinen Einwohnerzahlen ländlicher Gemeinden zu begegnen, sollten weniger Insellösungen, wie sie bislang verbreitet sind, sondern gemeindeübergreifende Lösungen im Vordergrund stehen.
Eine weitere Herausforderung liegt in der Internetnutzung: trotz zunehmender Verbreitung des Breitbandausbaus nutzen 12 % der österreichischen Bevölkerung das Internet nicht, mit großen Diskrepanzen in Abhängigkeit von Alter und Bildungsstand. Es besteht daher das Risiko, dass diese Gruppe durch die digitalisierten Angebote ausgegrenzt oder benachteiligt wird.
Nicht zuletzt stellt die Umsetzung der Digitalisierung häufig eine große Unbekannte für kommunale Entscheidungsträger dar. Ist der Breitbandausbau abgeschlossen, liegt die nächste Herausforderung darin, die Breitbandverfügbarkeit gewinnbringend für die Gemeinde zu nutzen. Hier braucht es flächendeckende Hilfestellung. Einen Digitalisierungsbeauftragten oder „Chief Digital Officer“ kann sich eine Gemeinde zumeist nicht leisten.

„Schulungsangebote zur Digitalisierung“ im Digitalen Dorf Steinwald-Allianz
Um mit neuen digitalen Lösungen, wie dem „Mobilen Dorfladen“, auch jene Bevölkerungsgruppen zu erreichen, die aktuell nicht online sind, entwickelt die Fraunhofer-Gesellschaft gemeinsam mit dem Landkreis Tirschenreuth flächendeckende Schulungsangebote rund um das Thema Digitalisierung. Primäre Zielgruppe der Angebote sind ältere Menschen mit unterschiedlichem Erfahrungshintergrund. Der Fokus liegt auf niedrigschwelligen Angeboten, wie Seniorentreffs, ehrenamtliche Lotsen oder Tandems aus Jung und Alt, da sich diese als besonders erfolgversprechend erwiesen haben

Digitalisierung als Teil der strategischen Regionalentwicklung
Das Digitale Dorf Steinwald-Allianz zeigt, dass die Digitalisierung Potentiale für ländliche Regionen bietet, wenn die geplanten Lösungen an den Herausforderungen ansetzen und auf die Zielgruppe zugeschnitten sind. Um den Herausforderungen zu begegnen, die mit der Umsetzung solcher Digitalisierungsprojekte einhergehen, bedarf es neben technischen Kenntnissen insbesondere auch sozialwissenschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Kompetenzen. Zudem sollte Digitalisierung nicht als ein isoliertes Projekt, sondern mehr und mehr als Standortfaktor und als Teil der strategischen Regionalentwicklung gesehen werden – ein Thema, das bisher noch die wenigsten Gemeinden auf der Agenda haben.

Weitere Infos: www.digitales-dorf.bayern

Dr. Bettina Williger und Annemarie Wojtech sind Mitglieder der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS in Nürnberg.