Frauenau und Spiegelau werden digital

Digitales DorfFoto: Diane Ahrens

Digitalisierung als Chance für den ländlichen Raum?

Wie macht der Technologiecampus Grafenau zwei Bayerwaldgemeinden mit dem Projekt „Digitales Dorf“ fit für die Zukunft? Wir werfen einen interessierten Blick über die (Landes-)Grenze und fragen bei Prof. Dr. Diane Ahrens nach.

Urbanisierung ist einer von vielen Megatrends – zum Leidwesen der Städte, die z.B. über Wohnraumknappheit und Feinstaub klagen, als auch des ländlichen Raumes, dessen Infrastruktur weniger tragfähig und daher zunehmend ausgedünnt wird. Kann Digitalisierung dazu beitragen, den strukturschwachen ländlichen Raum lebenswerter zu machen? Können online buchbare Rufbusse, Video-Arztsprechstunden die Lebensbedingungen verbessern? Welche Ansätze sind benutzerfreundlich und von Bürgern überhaupt gewollt?
Das von der Bayerischen Staatsregierung geförderte Projekt „Digitales Dorf“ setzt im Rahmen einer Feldstudie genau hier an und entwickelt gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort ein digitales Dorf der Zukunft.

Digitalisierung als Chance für den ländlichen Raum?
Der Technologiecampus Grafenau, eine Forschungseinrichtung der Technischen Hochschule Deggendorf, erarbeitet mit den Bürgern der beteiligten Gemeinden Frauenau und Spiegelau praktikable Lösungen, die im Alltag unterstützen sowie Zeit und Ressourcen auf persönlicher und kommunaler Ebene schonen. Zunächst gestartet in den beiden Gemeinden Spiegelau und Frauenau im Bayerischen Wald, begleitet der Technologie Campus Grafenau mittlerweile neun weitere Gemeinden im bayerischen Alpenraum.

Aus einem Guss
Aus einer anfänglichen Idee entwickelte sich ein Konzept, dessen Besonderheit in dem ganzheitlichen Ansatz – „aus einem Guss“ – liegt. Zahlreiche alleinstehende Lösungen zu einzelnen Handlungsfeldern existieren bereits an vielen verschiedenen Umsetzungsorten. Das Potential kann aber nur umfassend genutzt werden, wenn diese sinnvoll ineinandergreifen. Zum Beispiel lassen sich Telemedizinanwendungen sinnvoll mit Assistenzsystemen (AAL-Ambient Assisted Living) im Haushalt verknüpfen. So kann beispielsweise bei Sturzerkennung automatisch eine Rettungskette eingeleitet werden. Bausteine wie elektronische Schließsysteme ermöglichen den Helfern schnellen Zugang, eine elektronische Gesundheitsakte gibt dem behandelnden Arzt gleich Aufschluss über den vielleicht nicht mehr ansprechbaren Patienten. Das Modellprojekt will entsprechend in unterschiedlichen Lebensbereichen und für verschiedene Bevölkerungsgruppen Hilfestellung leisten.

Projektideen werden mit den Bürgern diskutiert
Bereits in der Erprobung sind digitale Lösungen zur Unterstützung der Kommunikation in der Schulfamilie, der kommunalen Dienste, zur Buchung und Koordination eines Rufbusses oder zur besseren telemedizinischen Verknüpfung von Hausarztpraxen, Kliniken und pflegendem Personal. Angesichts der Vielzahl der Ansätze bei zugleich begrenztem Förderbudget werden alle Projektideen im engen Bürgerdialog diskutiert, verifiziert und ggf. weiterentwickelt. Denn nur, wenn ein dauerhafter Bedarf an den entwickelten Lösungen besteht, ist eine nachhaltige Nutzung sichergestellt.

Nach ersten Berührungsängsten mit Digitalisierung macht diese nun Lust zum Mitmachen und auf mehr. So freuen sich die Bürgerinnen und Bürger in Spiegelau und Frauenau über folgende digitalen Neuerungen in ihrer Gemeinde:

  • Digitaler Zuwachs im Reich der Bücher und Zeitschriften
    Am Welttag des Buches fiel der Startschuss für die Anbindung der Gemeindebücherei Spiegelau an die eBook-Ausleihe LEO SUED (LEsenOnline SUEDbayern). Damit konnte der bisherige Bestand um 44.000 auf über 50.000 Medien erhöht werden, und alle digitalen Medien wie eBooks oder eMusic sind für die Nutzer der Online-Bibliothek bequem von zuhause aus oder auch von unterwegs über Smartphone, Tablet & Co. abrufbar.
  • Erste Live-Übertragung eines Gottesdienstes aus der Spiegelauer Pfarrkirche
    Die erste Live-Übertragung eines Gottesdienstes aus der Pfarrkirche in das Spiegelauer Senioren-Pflegeheim Rosenium fand am Pfingstsonntag statt. Senioren, denen es nicht mehr möglich ist, die Messe vor Ort zu besuchen, konnten so Teil des Gottesdienstes sein.
  • Bekanntmachungen digital
    In Kürze werden digitale Anschlagtafeln im Gemeindebereich Frauenau installiert. Damit geht die Gemeinde völlig neue Wege, um ihrer Bekanntmachungs- und Informationspflicht gegenüber den Bürgern nachzukommen. Beschlüsse des Gemeinderats, Veranstaltungshinweise oder auch sonstige aktuelle Informationen aus der Gemeinde werden künftig digital und für jedermann zugänglich präsentiert.
  • Rathaus-App
    Eine Rathaus- bzw. Mitmach-App ermöglicht, umgestürzte Bäume, kaputte Parkbänke oder Ähnliches per App mit Foto und GPS-Daten ans Rathaus zu melden. Ein automatisierter Workflow ermöglicht dem Betreuer, z.B. Bauhofleiter, die Reparaturaufgaben an einen seiner Mitarbeiter mitsamt allen Informationen in Sekundenschnelle weiterzuleiten und die Abarbeitung zu kontrollieren. Nach Erledigung ist die Bestätigung seitens Bauhofmitarbeiter ebenso wie das direkte Feedback an den Melder bzw. die Melderin bedienerfreundlich mittels „Klick“ möglich.
  • Digitale Weiterbildung für Senioren und Seniorinnen
    Nutzung digitaler Angebote setzt digitale Kompetenzen voraus. Besonders gut angenommen werden digitale Weiterbildungen für Senioren zu diversen Themenbereichen wie Umgang mit Smartphone und Tablet, Nachrichten und Fotos mit Freunden und Familie austauschen, im Internet sicher einkaufen u.v.m. Reißenden Absatz erfährt eine kleine gedruckte Fibel „ABC digital für Neulinge“.
  • Dahoam 4.0 – Das digitale Dorf im Hosentaschenformat
    Während die allgemeinen Informationen zu dem von der Bayerischen Staatsregierung geförderten Projekt „Digitales Dorf“ unter der Internetseite https://digitales-dorf.bayern/ zugänglich sind, sind die tatsächlichen Anwendungen und Applikationen wie die Rathaus-App „Digitales Rathaus Frauenau“ oder die Schul-App über das eigenständige Portal https://www.dahoamviernull.de/ abrufbar. Das Portal bildet die digitale Basis des regionalen Netzwerks für Bürgerinnen und Bürger im ländlichen Raum. Modular, je nach Bedarf oder bereits bestehender Verfügbarkeit, können verschiedene Teillösungen angebunden werden.

Weitere Lösungen entstehen in den nächsten Monaten sukzessive. Dazu gehören der Aufbau einer digitalen Nachbarschaftshilfe, eines individualisierbaren Gemeindekalenders, digital unterstützte Hausbesuche mit Echt-Vitaldatenübertragung und Monitoring durch den Hausarzt in der Praxis, ein digitales Leitungskataster ebenso wie eine digitalunterstützte interkommunale Zusammenarbeit u.v.m.

Gerne können die Lösungen vor Ort besichtigt oder Auskünfte eingeholt werden.

Ansprechpartner ist Rainer Bomeisl, Technologiecampus Grafenau, Tel: +49-8552975620-60, E-Mail: rainer.bomeisl@th-deg.de

Beitrag von Prof. Dr. Diane Ahrens. Sie ist Professorin für Internationales Management – Logistik und Supply Chain Management an der Technischen Hochschule Deggendorf und leitet den Technologiecampus Grafenau.
Website Technische Hochschule Deggendorf